Kosmopolitisches Brüssel
Die internationale Dimension und die Superdiversität der Hauptstadt
Brüssel ist nicht nur die Hauptstadt Belgiens. Es ist eine der internationalsten Städte der Welt, ein Knotenpunkt, an dem europäische Institutionen, internationale Organisationen und eine Bevölkerung einzigartiger Vielfalt in Europa zusammentreffen.
Hauptstadt der Europäischen Union
Brüssel konzentriert die wichtigsten EU-Institutionen: die Europäische Kommission (Berlaymont), das Europäische Parlament (Leopoldviertel), den Rat der EU (Justus Lipsius/Europa). Mehr als 30.000 europäische Beamte arbeiten dort, ergänzt durch Tausende von Lobbyisten, Journalisten, Diplomaten und Beratern. Das Europaviertel bildet einen regelrechten 'Staat in der Stadt'.
Über die EU hinaus: ein globaler Knotenpunkt
Brüssel ist auch der Sitz der NATO, die dort etwa 4.000 Mitarbeiter beschäftigt. Mehr als 4.000 NGOs, Berufsverbände und internationale Organisationen sind dort ansässig. Diese Konzentration internationaler Akteure macht Brüssel zur zweitwichtigsten Diplomatenstadt der Welt nach New York.
Die paradoxe fiskalische Auswirkung
Die Beamten der europäischen Institutionen und der NATO profitieren von einem speziellen Steuerregime: Sie zahlen eine interne Gemeinschaftssteuer, sind aber von der belgischen Einkommensteuer befreit. Sie nutzen die Brüsseler öffentlichen Dienste (Straßen, Verkehr, Sicherheit), ohne proportional zu den regionalen Einnahmen beizutragen. Dieses Gefälle verstärkt das Brüsseler Paradox: eine Stadt reich an wirtschaftlicher Aktivität, aber strukturell defizitär bei den Steuereinnahmen.
Die Brüsseler Superdiversität
Brüssel ist die vielfältigste Stadt Belgiens und eine der vielfältigsten in Europa. Mehr als 180 Nationalitäten leben dort zusammen und mehr als 100 Sprachen werden dort täglich gesprochen. Französisch ist die dominierende Verkehrssprache, aber Niederländisch, Arabisch, Türkisch, Englisch und Portugiesisch gehören zu den meistgesprochenen Sprachen zu Hause.
Niederländisch: eine geschützte Minderheit
Etwa 5 bis 8 % der Brüsseler sind niederländische Muttersprachler, aber der Schutz der niederländischsprachigen Minderheit ist in der Verfassung über die doppelte sprachliche Mehrheit und die Gemeinschaftsinstitutionen (VGC) verankert. Die niederländische Sprachgruppe im Parlament (17 Sitze von 89) verfügt über ein effektives Vetorecht bei der Regierungsbildung — genau dieser Mechanismus steht im Mittelpunkt der aktuellen Krise.
Die demografische Herausforderung
Brüssel ist die jüngste Region Belgiens: 24 % der Bevölkerung ist unter 18 Jahre alt (gegenüber 20 % in Flandern und Wallonien). Die Bevölkerung ist in zwanzig Jahren um 20 % gewachsen. Dieses Wachstum übt einen ständigen Druck auf die öffentlichen Dienste aus — Schulen, Kinderbetreuung, Wohnungen, Verkehr — also genau jene Sektoren, die durch das Fehlen einer Regierung eingefroren sind.
Zum Vertiefen:
Quellen: IBSA, Eurostat, Quartiersmonitoring, Statbel, Brüsseler Parlament.